Mann gesucht – Homosexualität im Wandel der Zeit!

Erst 1994 wurde Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs endgültig gestrichen. Sein Inhalt stigmatisierte gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern und ließ damit das Ausleben ihrer sexuellen Neigungen in die Illegalität abrutschen.

Wie fühlt „Mann“ sich, weil er anders empfindet als ein Großteil der Bevölkerung? Wie geht er mit dem Wissen um, sich gesetzeswidrig zu verhalten, nur, weil er seine partnerschaftlichen Bedürfnisse und seine Sexualität ausleben möchte? Es ist äußerst schwierig, sich das vorzustellen. Ganz bestimmt war es furchtbar, mit diesem inneren Konflikt leben zu müssen. Da ist diese Sehnsucht, die nach Erfüllung schreit, gleichzeitig ist aber gesetzlich verankert, dass sie im Rahmen der Legalität nicht gestillt werden kann.

Ich habe eine Szene aus „Mad Men“ vor Augen, die mich sehr berührt hat: ein heimliches Treffen zweier Männer auf einer Toilette, wissend, dass ihr Sexkontakt unter Strafe steht – und die daraus resultierende Sorge, erwischt zu werden.

Zum Glück ist mittlerweile alles anders. Vor nicht langer Zeit war ich in einen kleinen Auffahrunfall verwickelt. Aus dem Auto vor mir stieg ein junger Mann Anfang zwanzig. Wenig begeistert begutachtete er den Schaden und sagte: „Der Wagen gehört meinem Freund!“. In diesem Moment war ich positiv überrascht, wie selbstverständlich die jüngere Generation mit ihren sexuellen Neigungen umgeht!

Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Oberstufe mit einem Jungen befreundete. Es hieß unter vorgehaltener Hand, er stehe auf Männer. Ich wusste nichts Konkretes, es wurde lediglich gemutmaßt. Wir wollten ausgehen. Als wir in der großen Küche seiner Eltern unsere Pizzen aus dem Ofen holten, sagte er: „Übrigens, ich bin schwul!“. Das war Ende der Neunziger, und es wehte definitiv noch ein anderer Wind. Wie muss sich mein Freund gefühlt haben, während er ihn gesucht hat? Sei es, um seine große Liebe zu finden oder lediglich für Sexkontakte.

Die Dark Rooms der Technoclubs, deren Existenz ich Ende der 90er Jahre und Anfang des neuen Jahrtausends am Rande miterlebte, boten homosexuellen Männern eine nicht ganz ungefährliche Möglichkeit, ihre Vorlieben zu leben. Wir haben uns von diesen separaten Bereichen eher ferngehalten, weil jeder wusste, dass es dort ziemlich krass abgeht. Intuitiv war mir damals schon bewusst, dass es sich hierbei um eine weitere „er sucht ihn“ – Option handelt, eine, die wir als Gesellschaft durch unsere Perspektive auf homosexuelle Männer mitgestaltet haben.

Zum Glück haben wir uns im Laufe der Zeit dahingehend entwickelt, dass jugendliche und erwachsene homosexuelle Männer in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen und sich nahezu so selbstverständlich wie heterosexuelle Pärchen küssen können.

Schön wäre es, wenn diese Entwicklung in eine noch größere Selbstverständlichkeit münden würde und sich auch in Ländern, die bisher wenig fortschrittlich mit dieser Thematik umgegangen sind, etablieren würde.

Es sollte die Freiheit eines jeden Menschen sein, seine Sexkontakte und Partnerschaften seinen individuellen Neigungen entsprechend leben zu können, so lange die Grenzen des Gegenübers dabei gewahrt werden.